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Ist die Zeit reif für eine kommunale Ernährungspolitik?

  • Mehr Bio, mehr Region, mehr Zukunft

    Mehr Bio, mehr Region, mehr Zukunft

Ist die Zeit reif für eine kommunale Ernährungspolitik?

„Mehr Bio, mehr Region, mehr Zukunft – Ernährungswende durch Kommunale Ernährungspolitik“, so lautete das Motto am 15. und 16. Februar 2018 beim 4. Kongress Stadt-Land-Bio. Mehr als 200 hochrangige Vertreter/innen aus Städten und Gemeinden trafen sich in Nürnberg, um sich gemeinsam stark zu machen für mehr Bio in kommunalen Einrichtungen.

Der ehemalige EU-Kommissar für Landwirtschaft, Dr. Franz Fischler, brachte gleich zu Beginn des Kongresses seine Erwartung an Kommunen und Bürger/innen gut auf den Punkt: „Wir müssen die EU-Agrarpolitik vom Kopf auf die Füße stellen und dezentralisieren“, so sein Aufruf. Er ist überzeugt, Landwirtschaftspolitik sollte nicht dem Markt überlassen sondern vielmehr von Bürger/innen und Kommunen maßgeblich mitgestaltet werden. Nürnbergs Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly forderte die Kommunen auf, durch ihre Vorbildfunktion in der öffentlichen Beschaffung nachhaltige Ernährungskonzepte zu fördern. Bis 2020 will man in Nürnberg den Bio-Anteil für Kitas auf 75 %, für Schulen auf 50 % steigern.

Mitmachen statt zuschauen

Bürgerbeteiligungsmodelle wie das Konzept des Ernährungsrates wurden ebenso diskutiert wie die Verknüpfung von regional und bio. Der Ernährungsrat als Modell zur Einbindung von Bürgerschaft und Kommune um „Essen in der Stadt mitzugestalten“ wurde vom Filmemacher und Foodsharing-Aktivisten Valentin Thurn am Beispiel Kölns vorgestellt. Ziel des Rates ist es, Ernährungspolitik auf der kommunalen Ebene zu stärken. Im Kölner Ernährungsrat sitzen zu gleichen Teilen Vertreter/innen von Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Verwaltung. Gemeinsam erarbeiten sie in Ausschüssen zu verschiedenen stadtrelevanten Ernährungsthemen Programme und Projekte, die jedem einzelnen Kölner eine gesunde und nachhaltige Ernährung ermöglichen sollen. Direktvermarktung von regionalen Lebensmitteln, Bildung, urbanes Gärtnern und die Förderung des Ernährungshandwerkes sind dabei die Schwerpunkte.

Vielleicht ist dieses Modell ja auch ein gutes Instrument für die Städte in unserer Region, um die Bürgerschaft bei der Entwicklung zukunftsfähiger Ernährungskonzepte aktiv mit einzubinden. Wichtiger Bestandteil zur Umsetzung solcher Konzepte sei ein Umdenken auch in der Stadtplanung, wie Dr. Philipp Stierand vom Labor für Stadtentwicklung und Ernährung an Beispielen darstellte. Stadtplanung solle Städte planen, die Raum schaffen für die Lebendigkeit und Vielfältigkeit ihrer Ernährungskultur. Dazu gehört ein Ernährungssystem, das vom Feld bis zur Gabel gut ist für die Menschen, die Region und den Planeten. Wer möchte nicht in einer solchen Stadt leben? Auch die Verknüpfung von Ökolandbau und Regionalität wurde intensiv diskutiert. Am Ende war nicht nur ich überzeugt: Regionalität braucht Qualität und einen fairen Umgang auch mit den Landwirten und deren Beschäftigen. Fairtrade steht hier für ein Miteinander von Regionalität und Internationalität.

Toll auch der Vortrag von Peter Noventa, der die Berufsschule B3 in Nürnberg vorstellt. Diese will sich bio-zertifizieren lassen. Das wäre ein enorm wichtiges Signal, schließlich werden hier die Fachkräfte des Ernährungshandwerkes wie Bäcker, Fleischer, Konditoren etc. ausgebildet. Wenn diese schon in der Ausbildung Qualität beim Essen schätzen lernen, so werden sie diese Denke wohl auch in ihre zukünftigen Betriebe einbringen. Ziel muss es hier sein, diese Berufe für junge Menschen wieder attraktiv zu machen. Dazu können wir alle beitragen, wenn wir beispielsweise qualitatives Essen wieder wertschätzen. Wenn Esskultur zur Fastfood-Kultur verkommt, brauchen wir uns nicht wundern, dass niemand mehr dieses Handwerk auf dem Feld oder in der Küche lernen will. Wie sagte einst schon Ludwig Feuerbach: „Der Mensch ist, was er isst“. Wertschätzung für Lebensmittel und die Menschen, die selbige herstellen, sind Grundlage einer Gesellschaft, in der Essen teil des Kulturlebens ist.

Dr. Werner Ebertvom Umweltreferat der Stadt Nürnberg jedenfalls ist überzeugt: „Ja, die Zeit ist reif für eine kommunale Ernährungspolitik“. Oberbürgermeister Maly formuliert seine Vision für eine erfolgreiche Ernährungswende so: „Überflüssiges aus unserer Überflussgesellschaft hilft, die Tafeln als Versorger der Menschen am Rande unserer Stadtgesellschaft überflüssig zu machen.“ Auch mir haben die zwei Tage Mut gemacht. Das Thema ist definitiv in den Rathäusern angekommen, jetzt gilt es gemeinsam die guten Ideen und Worte auch in die Tat umzusetzen.

Herzlich grüßt

Ihr Frank Braun für die ebl-Redaktion

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