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Ein Plädoyer für eine essbare Stadt

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Ein Plädoyer für eine essbare Stadt

Gemeinsam mit Vertreter/innen der Stadt Nürnberg hat sich kürzlich eine Vertretung des Ernährungsrates auf den Weg nach Andernach am Rhein gemacht. In der nach Kempten und Trier drittältesten Stadt Deutschlands hat die Stadtverwaltung schon vor Jahren einen Großteil der Grünflächen in essbare Gärten verwandelt und so mehr Vielfalt und Lebensqualität geschaffen.

Wir haben uns vor Ort umgesehen, um von deren Erfahrungen zu lernen. Die Idee, einen Teil unserer Grünflächen in den Städten der Region in essbare Oasen der Vielfalt zu verwandeln, ist einfach überzeugend.

Andernach – wo auch heute noch Geschichte geschrieben wird

Die Idee einer essbaren Stadt wurde wohl in England wiederentdeckt. Genau genommen waren vor dem Zeitalter der Globalisierung wohl alle menschlichen Ansiedlungen „essbar“, denn nur dort, wo es Wasser gab und Nahrung produziert werden konnte, war eine Siedlung vorstellbar. Nun wird die Idee regionaler Grundversorgung vor Ort wieder aufgegriffen. Seit 2008 ist in Todmorden, England, die Idee der essbaren Stadt wieder auf der Agenda kommunaler Stadtplaner. Das Konzept ist einfach und bestechend zugleich: Durch die Umwandlung städtischer Grünflächen in öffentliche, essbare Gärten soll die lokale und vielfältige Nahrungsmittelproduktion gefördert und so der Anteil der Lebensmittel aus regionaler Selbstversorgung erhöht werden. Darüber sollen auch wieder mehr Menschen die gartenbaulichen und erzeugnisverarbeitenden Kulturtechniken vermittelt werden. Vorreiter dieser Idee in Deutschland sind Kassel und Andernach. In beiden Städten basiert die Vision einer essbaren Stadt auf den Prinzipien der Permakultur und man arbeitet natürlich ökologisch. Durch Permakultur sollen funktionierende nachhaltige und naturnahe Kreisläufe geschaffen werden.

So lecker kann Stadt schmecken

Im Rathaus von Andernach heißt uns Dr. Lutz Kosack willkommen. Er ist seit 2010, also von Beginn an, für das Projekt „Essbare Stadt Andernach“ verantwortlich. Er hat in Bayreuth Geoökologie studiert und dann in Botanik promoviert. Die Vision einer essbaren Stadt ist für ihn Passion. Gleich zu Beginn erzählt er uns begeistert, dass sich gerade ein Netzwerk der essbaren Städte weltweit bildet. Neben Oslo, Havanna, Heidelberg und Rotterdam ist auch Andernach mit dabei. „Neue Flächen in unseren Städten zu schaffen ist praktisch unmöglich, aber wir können ökologisch wenig wertvolle Rasenflächen umwandeln in Orte der Ernährung, Bildung, Ökologie und auch der Ästhetik“, so Kosack.

Jedes Jahr stellt die Stadt ihre essbaren Flächen unter ein neues Thema, um Vielfalt sichtbar zu machen. 2018 ist das Motto: Da haben wir den Salat. „Natürlich war zu Beginn die Sorge groß, ob durch Vandalismus und Plünderung der Beete die Arbeit wieder zunichte gemacht werden würde, aber diese Sorge stellte sich als unbegründet heraus“, so erzählt er uns. Über farbliche Kennzeichnung der Beete versucht das Team den Bürger/innen anzuzeigen, ob etwas schon erntereif ist. Rot für „bitte noch warten“ bis grün „jetzt ernten“ hilft ungeduldige „Frühernter“ abzuschrecken. In der Tat ist es ein Augenschmaus, was wir hier sehen. Auf einer Fläche von etwa einem Hektar wachsen zehn verschiedene Erdbeersorten, Salat, Mangold, Kohl, Kräuter, Tomaten und vieles mehr, insgesamt etwa 100 verschiedene essbare Nutzpflanzen. Zwischen Obstbäumen sind blühende Wiesen, selbst Mandelbäume gibt es hier in der „nördlichsten Stadt Italiens“, so Kosack. Die Abstrahlwärme der alten Burgmauern wird genutzt, um dort besonders wärmebedürftige Pflanzen anzusäen.

Das Interesse am Projekt ist riesig. Andernach ist zum Pilgerort für Menschen geworden, die Städte wieder essbar machen wollen. 172 Führungen gab es alleine in 2017. Mittlerweile gibt es auch Wein, Bienen, Hühner, Schweine und Schafe als Teil des Gesamtkonzeptes. Die Eier und das Fleisch werden über Patenschaften verkauft. Die Wartelisten hierfür sind lang. In einem FAIRegio-Laden werden die lokal produzierten Lebensmittel und Artikel aus fairem Handel verkauft.

Gerade der Burggraben hat mich begeistert. Es ist ein solcher Ort der Vielfalt und ich beginne schon während des Spaziergangs davon zu träumen, wie dies auch in Nürnberg und anderen Städten in unserer Region aussehen könnte. Auch wenn vielleicht unser Klima Mandelbäume noch nicht zulässt, so bin ich doch überzeugt, wir könnten auch hier durch die Gestaltung essbarer Flächen in den Städten Frankens ein Stück Glückseligkeit in unseren Alltag hinein holen. Kosack ist überzeugt: Das Projekt „Essbare Stadt“ hat Andernach nachhaltig verändert und bei den Bürger/innen die Wertschätzung für hochwertige Lebensmittel gesteigert – das wünsche ich mir jetzt auch für unsere Städte.

Herzlich grüßt

Ihr Frank Braun für die ebl-Redaktion

 

 

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