Manfred Rothe in seinem Weinkeller

"Beim Weinbau brauchen wir die Begrünung der Rebgassen und die Artenvielfalt im Weinberg.“

Manfred Rothe

„Ein Rebstock ist auch nur ein Mensch“

Zu Besuch beim Bioland-Hof Manfred Rothe

Manfred Rothe ist nicht nur ein wichtiger Lieferant von Bio-Weinen für ebl, er ist außerdem auch Naturschützer, Obstbauer, Winzer, Schnapsbrenner, Zimmervermieter, Küchenmeister, Genießer und Ökobauer. Seinen frischen "Johanniter"-Wein haben wir bereits bei einem ebl-Kochkurs gekostet, jetzt wollen wir ihn vor Ort besuchen. Die Hauswand seines Betriebes gegenüber Kirche und Rathaus im fränkischen Nordheim zieren Schilder des Anbauverbandes „Bioland“, der Gourmetzeitschrift „Feinschmecker“, der Genießervereinigung „Slowfood“ und der Hinweis des Bundeslandwirtschaftsministeriums darauf, dass es sich bei dem Hof um einen „Demonstrationsbetrieb Ökologischer Landbau“ handelt. Auf den ersten Blick ist klar, dass der Mann ein erfolgreiches Multitalent ist, und es steht zu vermuten, dass er mindestens sechs Arme und zwei Köpfe besitzt, um all die damit verbundenen Aufgaben erledigen zu können.

Als wir durch die umgebenden Weinberge nach Nordheim fahren, das idyllisch in der Mainschleife gelegen ist, wissen wir bereits, dass Manfred Rothe keine anatomischen Besonderheiten aufweist. Denn wir haben uns während eines Festes bei ebl in Nürnberg bereits kennengelernt und den Besuch verabredet. Der Bioland-Winzer, der Zwetschgen, Weine und Obstbrände an ebl liefert, kommt wie wir mit zwei Armen und einem Kopf aus. Während unseres Treffens stellt sich heraus, dass er einfach ein sehr agiler, innovativer und engagierter Mann ist, den eine große Leidenschaft zur Natur und zu Obst in seiner festen und flüssigen Form umtreibt.

Begrüßung im Weinberg

Es ist ein Tag im September, die Sonne strahlt vom wolkenlosen Himmel und unser Gastgeber ist bei der Lese im Weinberg. Dorthin führt uns seine Frau, die uns beim Betrieb in der Ortsmitte abholt, wo die Rothes auch drei Fremdenzimmer für Freunde des Weines vermieten. Es ist kurz vor dem „Goldenen Oktober“, das Laub der Bäume leuchtet bereits in zahlreichen Facetten zwischen grün, braun und rot. Das flüssige Gold wird auf den Weg vom Rebstock in die Tanks und Fässer gebracht. „Früher war so, dass man als Bauer bis Ende Oktober sein Geld verdient haben musste, um über den Winter zu kommen“, interpretiert Manfred Rothe die Bezeichnung, „im Oktober musste also das Gold, sprich das Geld hineinkommen.“ Zwischen zwei Reihen Reben steht er inmitten seiner Lesehelferinnen, überwiegend Frauen aus der Verwandschaft oder dem Ort, die fleißig Traube um Traube Müller-Thurgau von den Reben schneiden. Diese werden in Eimer gelegt, die anschließend in die Butte umgefüllt werden, die der Träger dann auf seinem Rücken zum Anhänger bringt. Dort klettert er eine Leiter hoch und schüttet den Inhalt des Behälters mit einer schwungvollen Bewegung auf die Ladefläche aus. Dann werden die Beeren in den Weinkeller gebracht, wo Manfred Rothe sie weiter verarbeitet.


Modetrauben haben keine Chance

Auf zwölf Hektar baut Rothe Obst an, weitere sieben Hektar dienen dem Weinbau. Mit Müller-Thurgau, Bacchus, Silvaner und der Riesling-Silvaner-Kreuzung Rieslaner gehören vier klassische Sorten des Fränkischen Weinlandes zu seinem Repertoire. Daneben zählen der aus Österreich stammende Blaue Zweigelt und Neuzüchtungen wie die Riesling-Einkreuzung Johanniter oder die Rotweintraube Regent zu den von ihm angebauten Rebsorten. Viele der Tropfen sind in den Regalen der ebl-Biofachmärkte zu finden. Der Versuchung, Modetrends zu folgen und Chardonnay oder Merlot anzubauen, ist der Winzer nie erlegen. „Wein und Tradition gehören eng zusammen“, findet Rothe stattdessen.

„Astheimer Karthäuser“ und „Nordheimer Vögelein“

Insgesamt 70.000 Flaschen Wein, ein Viertel rot, der Rest weiß füllt er durchschnittlich jedes Jahr ab. Die Lage „Astheimer Karthäuser“ zeichnet sich durch silikatreiche, sandige Lehmböden aus, die für Franken charakteristisch sind, auf dem „Nordheimer Vögelein“ findet sich dagegen Muschelkalk. Dort haben die Bio-Winzer der Region bei der letzten Flurbereinigung ihre Weinberge zusammengelegt, so dass eine geschlossene Fläche entstanden ist. Ansonsten sind aufgrund der „Realteilung“ des Bodens im Erbfall unter den Kindern eines Verstorbenen kleine Parzellen die Regel.

Früher wurden Pestizide mit dem Hubschrauber gespritzt

„In den 70er-Jahren wurden die Pestizide hier noch großflächig mit dem Hubschrauber gespritzt“, erinnert sich der Winzer. Hautausschläge und Asthma unter Familienangehörigen und Lesehelfern waren damals an der Tagsordnung. Und selbstverständlich fanden die giftigen Inhaltsstoffe ihren Weg in die Flasche und den trinkfreudigen Körper der Weinfreunde. Der aktive Naturschützer, der früher einmal als Chefkoch in der gehobenen Gastronomie gearbeitet hatte, lernte Winzer, übernahm dann den Betrieb seiner Schwiegereltern und stellte diesen 1981 auf ökologischen Weinbau nach den Richtlinien des „Bioland“-Verbandes um.

Grüne Rebgassen und angebliches Unkraut

Seine Öko-Weinberge unterscheiden sich auch optisch von der konventionell bewirtschafteten Fläche. „Wir haben es beim Weinbau mit einer Dauerkultur zu tun“, erklärt er uns, „deshalb brauchen wir die Begrünung der Rebgassen und die Artenvielfalt im Weinberg.“ In den Freiräumen zwischen seinen Rebreihen wachsen Buchweizen, Klee, wilde Möhre und Schafgarbe, dazwischen an manchen Stellen Disteln. „Die Distel ist eine ‚Zeigerpflanze’“, klärt uns der Fachmann auf, „dort wo sie wachsen, ist der Boden zu stark verdichtet. Die Distel lockert den Boden wieder auf und verschwindet dann von alleine, wenn sie ihre Lebensgrundlage verloren hat.“ Dieses angebliche „Unkraut“ fänden wir beim konventionell bewirtschafteten Weinberg mit Sicherheit nicht. Bei dem wären die Weinblätter dafür von einem saftigeren Grün, da die Reben dort auf eine permanente Höchstleistung getrimmt seien. Das sei zwar für den Mengenertrag vorteilhaft, sage aber noch nicht über die Qualität der Beeren aus und mache die Pflanzen zudem besonders anfällig für Krankheiten.


Das Mostgewicht ist nicht entscheidend

Beim Stichwort „Beerenqualität“ zückt der Winzer sein Refraktometer, das Öchslemessgerät, klappt es auf und quetscht einige Tropfen Traubensaft aus einer Beere auf eine kleine Glasplatte. Dann hält er das Gerät in Richtung Sonne und schaut hindurch. Auch wir dürfen einen Blick hineinwerfen und sehen ein milchiges Bild, vor dem scharf eine senkrechte Linie mit kleinen waagerechten, untereinander stehenden Messstrichen erscheint, neben denen links und rechts unterschiedliche Zahlen stehen. „Links sind die Grad Öchsle, die dem Winzer das Mostgewicht angeben, rechts die Prozent Brix, die für den Safthersteller ausschlaggebend sind“, erfahren wir von Rothe. Ein blauer Strich zeigt uns an, dass die Beere bereits 90 Grad Öchsle hat. „Damit könnte der Wein bereits als Spätlese verkauft werden“, überrascht uns der Winzer und erklärt, dass dieses Weinprädikat nichts mit dem Zeitpunkt der Lese zu tun hat, sondern sich einzig und alleine am Mostgewicht orientiert.

Die Qualität der Beere gibt den Ausschlag

„Das Refraktometer habe ich heuer erst drei Mal benutzt“, setzt Rothe an. Denn die Beurteilung der Weinqualität nach dem Mostgewicht der Beeren reicht ihm als Maßstab für die Güte nicht aus. Deshalb hat er sich mit anderen Winzern zusammengetan und geschult, die Beeren im Weinberg nach anderen Kriterien zu beurteilen. „Früher haben wir zu wenig auf die Beere geachtet und nur den Rebstock und den Boden im Visier gehabt“, gibt er zu. Jetzt probiert er die Beeren, schmeckt ihr Süße und die Säure und vergleicht sie mit seiner geschmacklichen Vorstellung des fertigen Weines, den er ausbauen möchte. Er prüft das Fruchtfleisch, schaut die Kerne an und testet, ob sich beide leicht und vollständig voneinander trennen lassen. Erst dann ist die Lesezeit gekommen. Für diese Begutachtung braucht der Bio-Winzer kein Refraktometer.

Junior- und Seniortrauben

Boden und Rebstock lässt er deshalb selbstverständlich nicht außer acht. „Ein Rebstock ist auch nur ein Mensch“, irritiert er uns leicht schmunzelnd. Junge, frische und fruchtige Weine stammen von ebenfalls jungen Weinstöcken, die maximal 15 Jahre alt sind. Rothe: „Ich habe einen Müller-Thurgau, der steht seit vierzig Jahre im Weinberg. Der holt seine Nahrung und die Mineralien aus einer ganz anderen Tiefe und mit einem ganz anderen Wurzelwerk aus dem Boden, als dies ein junger Weinstock könnte. Das gibt ganz andere Weine.“ Große und ausdrucksstarke Weine kommen deshalb bei ihm auch von alten Rebstöcken. Dies findet man bei ihm und im ebl-Weinregal unter der Bezeichnung „Grande“.

Strategien der Bio-Winzer gegen Krankheiten

Da auch ökologisch bewirtschaftete Weinberge nicht gegen Krankheiten gefeit sind, müssen auch Bio-Winzer mitunter gegen Mehltau und Pilzerkrankungen vorgehen. Bei ihnen kommen jedoch keine chemisch-synthetischen Pestizide zum Einsatz, sondern Kräuterextrakte, Gesteinsmehle und in geringem Umfang Schwefel und Kupfer. Um den Einsatz der Mittel möglichst gering zu halten, haben die Bio-Winzer zwei Strategien: den Einsatz modernster Technik und den Anbau schädlingsresistenter Trauben. Manfred Rothe wendet beide Vorgehensweisen an: Sobald er morgens aufsteht, schaltet er seinen Computer an und fragt die über Satelliten vernetzten Wetterstationen auf den Weinbergen ab: „War es nachts über 12,6 Grad und mindestens zwei Stunden nass, dann kommt der Mehltau wie das Amen in der Kirche.“ Bei einer bestimmten Kombination vermehren sich die Mehltausporen, dann benetzt er zu einem bestimmten Zeitpunkt gezielt Blätter und Trauben mit ökologischen Mitteln, um den Schädling fern zu halten.


Der Rosenstock als Frühwarnsystem

Die Rosenstöcke, die in vielen Weinbergen noch stehen, stammen aus der Zeit bevor es Satelliten gab. Dazu erläutert uns unser Führer durch den Weinstock: „Auch sie dienen der Frühwarnung, denn unsere Vorfahren wussten, dass der Rosenstock den Mehltau etwa zwölf Tage vor dem Weinstock bekam.“ Schädlingsresistente Traubenzüchtungen wie der „Johanniter“ helfen ebenfalls, die Ausbreitung von Krankheiten zu vermeiden. Bei ihr wurde wilder Wein, der keinen Mehltau bekommt so lange mit Weinreben gekreuzt, bis eine widerstandsfähige Rebe mit einem würzigen und kräftigen Geschmack entstand. „Der Johanniter hat nicht nur eine dicke Schale, er hat auch eine dicke Haut gegenüber dem Mehltau“, informiert uns unser Bio-Winzer.

Edle Brände aus heimischem Obst

Bereits voller Eindrücke besuchen wir noch den Weinkeller von Manfred Rothe am Ortsrand von Nordheim. Ein Federweißer vom Müller-Thurgau hat bereits fünf Prozent Alkohol, schmeckt aber noch wie Saft. In den Edelstahltanks gluckst es. Noch verbringt der Winzer die meiste Zeit im Weinberg, das Ausbauen der edlen Tropfen beginnt erst später. Zum Abschluss steigen wir noch in den Weinkeller unter dem Haupthaus in der Ortsmitte, wo unser Besuch auch begann. Dort lagert der Winzer in Holzfässern seine Brände und Liköre aus heimischem Obst. Rund 1.500 Liter Hochprozentiges und Flüssiges aus Birne, Zwetschge, Mirabelle, Sauerkirsch, Quitte, Aprikose und Apfel sowie Trester ruhen dort. Holzfässer aus Maulbeerbaum, Esche und Eiche geben den Destillaten feine Raffinesse und ihre besondere Note. In einer Ecke hat zudem er begonnen, die Brände in Fässern aus dem jeweiligen Holz des Baumes zu lagern. Da wir wieder zurück nach Nürnberg fahren müssen, ist uns heute nur eine kleine Kostprobe gegönnt. Dem probierfreudigeren Besucher sei empfohlen, Wein oder Brand entweder in seinem ebl-Biofachmarkt zu kaufen und zu Hause zu trinken oder sich bei Manfred Rothe vorab eines der Gästezimmer zu reservieren, die dieser in seinem Haus anbietet.

Die Adresse:

Bioland-Hof Manfred Rothe, Hauptstraße 14., 97334 Nordheim

Tel.: 09381-4579 Fax 09381-6644 E-Mail: info@wein-rothe.de

Internet: www.wein-rothe.de



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