Warum Demeter-Kühe länger leben
Zu Besuch beim Demeter-Hof Meyer
... in Opfenried
Glauben Sie an kosmische Einflüsse in der Landwirtschaft? Daran, dass Kuhmist, in ein Kuhhorn gefüllt und den Winter über im Boden vergraben, anschließend von Hand mit Wasser vermischt wird und zum Schluss auf Pflanzen nebelfein versprüht, deren Wachstum positiv beeinflusst? Wenn nein, dann sind Sie vielleicht kein Anhänger der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Wenn ja, dann können Sie die Richtlinien des Demeter-Verbandes vielleicht nachvollziehen. Oder Sie gehören sogar zu denjenigen, die diese Form des Bodenkultivierens für vorbildhaft halten, so wie das Bundeslandwirtschaftsministerium.
„Demonstrationsbetrieb Ökologischer Landbau, Demeter-Hof Meyer“ steht auf dem kleinen Prospekt, das uns Landwirt Siegfried Meyer bei unserem Besuch in die Hand drückt. Sein Betrieb ist einer von 200 Vorzeigehöfen, die im „Bundesprogramm Ökologischer Landbau“ aufgeführt sind. Meyer, der seit 1988 ökologische Landwirtschaft betreibt, hält Kühe und liefert seine Milch an die ebenfalls nach Demeter-Richtlinien arbeitende Molkerei Hohenlohe-Franken in Schrozberg , deren Produkte wiederum bei ebl in den Kühlregalen der Biofachmärkte verkauft werden. Die Milch von Meyers Kühen landet also in den Mägen der ebl-Kunden. Und um uns anzuschauen, wie die Tiere leben und gehalten werden, sind wir gekommen.
Einblicke in die biologisch-dynamische Landwirtschaft
Zwar haben wir bereits einige Demeter-Betriebe besucht, aber erst Meyer vermittelt uns einen umfassenden Einblick in die biologisch-dynamische Landwirtschaft. Der Bio-Bauer, der schlank und drahtig wie ein durchtrainierter Langstreckenläufer aussieht, kann seine Wirtschaftsweise auch für Laien einfach verständlich erklären, als Demonstrationsbetrieb ist sein Hof bestens geeignet. Drei Stichwörter sind es, die sich im Verlauf unseres Besuches als charakteristisch für den anthroposophischen Ansatz in der Landwirtschaft herauskristallisieren: Das Wirtschaften im Einklang mit der Natur – was eine artgerechte Tierhaltung bedingt –, der betriebliche Kreislauf, in den Ackerbau und Viehhaltung einbezogen sind, und die Anwendung biologisch-dynamischer Präparate.
Die Kreislaufwirtschaft kennen wir schon gut: Die Herdengröße muss den Klima- und Standortbedingungen angepasst sein und die Anzahl der Tiere, die auf der Fläche gehalten werden darf, ist nach oben hin begrenzt. Das Futter für die Tiere wird überwiegend selbst angebaut, Felder werden im Rahmen der Fruchtfolge abwechselnd mit unterschiedlichen Pflanzen bewirtschaftet, damit sich der Boden erholen kann und seine Fruchtbarkeit verbessert, gedüngt wird mit dem Mist des eigenen Viehs. Tierhaltung und Ackerbau sind in einer Balance: Die richtige Anzahl an Tieren produziert genau so viel Mist, wie auf den Feldern ausgebracht werden kann, und dort wird genau so viel Futter angebaut, wie die Tiere benötigen. Das ist in groben Zügen die Kreislaufwirtschaft, auf die anderen Themen sind wir gespannt.
Meyer führt uns durch seinen Stall hinter die Hofgebäude, wo wir an den Außenställen unter einem überdachten Weg stehen bleiben. Zur anderen Seite blicken wir über hügelige Felder und Wiesen mit einzelnen Büschen ins Tal. Gleich auf einer der nahe gelegenen Weiden sehen wir eine Rinder-Herde beim gemächlichen Grasen.
"Rasputin" sorgt sich um seine Herde
Erst einmal verschafft uns Meyer einen Überblick: Rund 51 Hektar Land bewirtschaftet er, davon sind zwanzig Hektar Dauergrünland, auf dem Rest baut er Kartoffeln, Getreide und Futter für seine Rinder an. Insgesamt hat er siebzig Tiere auf seinem Hof, darunter dreißig Milchkühe, Schwarzbunte und Fleckvieh, die er mithilfe seines Bullen „Rasputin“ selber züchtet. Momentan zählen zwanzig trächtige Kühe und acht Kälber zu seiner Herde, das jüngste ist drei Tage alt. Wie Meyer würde auch der Bulle „Rasputin“ die Tiere als „seine Herde“ bezeichnen, könnte er sprechen.
Meyer erklärt: „Das ist ein Beispiel für die artgerechte Haltung, der wir uns verschrieben haben: Der Bulle beschützt ‚seine’ Herde. Wenn eine Kuh kalbt, ist er ebenfalls dabei und achtet darauf, dass ihr nichts geschieht.“ Zur wesensgemäßen Aufzucht gehört außerdem ausreichend Platz mit viel Auslauf für die Rinder, die nach Meyer „Bewegungstiere“ sind und rund drei Kilometer am Tag auf der Wiese laufen. Außerdem ausreichend frische Luft und viel Platz auch im Stall, der im Winter ebenfalls offen ist, wodurch die Gefahr von Erkrankungen wie beispielsweise Lungenentzündungen sinkt. Meyer: „Die Tiere fühlen sich bei 20 Grad unter null wohler als bei plus 25 Grad.“
Und natürlich das der Jahreszeit entsprechende Futter: Im Gegensatz zur konventionellen Milchviehwirtschaft, wo es meist von Januar bis Dezember konserviertes Futter in Form von Silage gibt, fressen Meyers Tiere viel Grünfutter, alleine schon deshalb, weil sie den größten Teil des Tages gemeinsam auf der Weide verbringen. Daneben bekommen sie Getreideschrot aus selbst Angebautem. Dadurch habe die Milch seiner Kühe dann mehr Omega-3-Fettsäuren und mehr Beta-Karotin, erklärt der Landwirt den Vorteil für den Verbraucher. Außerdem gebe Grünfutter 20 Prozent mehr Milch. Silage aus Heu, Gras und Kleegras bekommen seine Tiere nur im Winter, wenn es kein frisches Futter gibt.
Während Meyers Kühe rund 6.500 Kilo Milch (ein Liter sind 1,02 Kilogramm) im Jahr geben, schaffen es konventionell gehaltene Tiere bis auf 10.000 oder sogar 15.000 Kilogramm. Alle zwei Tage kommt der Tankwagen der Molkerei aus Schrozberg und holt rund ein tausend Liter ab.
Kuh "Arve" ist fünfzehn Jahre alt
Auch bei der Zucht haben die Kühe in Opfenried ein ihrer Art entsprechendes Leben. Erstmals kalben sie nach 33 Monaten und haben damit eine um neun Monate längere „Jugend“ als ihre konventionell gehaltenen Artgenossen. Dann säugt die Demeter-Kuh ihr Junges drei Tage, das Kalb bekommt dann weitere drei Monate frische Kuhmilch. Außerdem ist das Leben der Bio-Rinder deutlich länger: Während eine konventionelle Kuh etwas mehr als zwei Jahre im Bestand ist, weil sie dann so ausgelaugt ist, dass sie nicht mehr trächtig wird, werden Meyers Kühe deutlich älter: Rekordhalterin ist momentan „Arve“, die in 15 Jahren zwölf Kälber geboren und um die 65.000 Liter Milch gegeben hat.
An der Außenwand des Stallgebäudes sehen wir eine große, runde Bürste, ähnlich denen, die in Autowaschanlagen verwendet werden. Gemächlich trottet ein Rind zu der Stelle, positioniert sich und schaltet damit die Elektro-Bürste ein. Ebenso ungeniert wie wir dem Tier bei seiner Wellness-Übung zuschauen, glotzt es zurück. Seinen Blick wendet es erst nach einigen Minuten von uns ab, als es die Position wechselt, um eine andere Körperstelle massieren zu lassen. Meyer: „Die Rinder lieben diese Bürste. Wenn eine Kuh kurz vor dem Abkalben ist, kann sie sich stundenlang massieren lassen. Das ist wie Schwangerschaftsgymnastik.“
Milch von behornten Kühen für Milchallergiker
Außerdem wichtig bei der wesensgerechten Rinderhaltung sind die Hörner. Zwar benötigen behornte Rinder doppelt so viel Platz wie unbehornte, so dass der Demeter-Bauer auf der gleichen Fläche nur halb so viele Tiere halten kann wie andere Landwirte, aber ein Entfernen des Horns wird als nicht wesensgemäß abgelehnt. Auch wenn siebzig Prozent der frei laufenden Bio-Milchkühe enthornt seien, halte der Demeter-Verband an diesem Grundsatz fest. „Man weiß nicht wie es funktioniert, nur dass es funktioniert“, ist eine Einsicht, die Meyer aus eigener Erfahrung gewonnen hat. Er gibt gleich ein passendes Beispiel: „Ich kenne Milchallergiker, die nur Milch von behornten Kühen vertragen. Einer von ihnen holt seit eineinhalb Jahren bei mir immer seine Milch ab.“ Es gibt Erfahrungen, so Meyers Erkenntnis, für die fehlen wissenschaftliche Beweise.
Ein weiteres Beispiel dafür, dass manchmal bekannt ist, dass etwas wirkt, aber nicht wie, sind die für Demeter charakteristischen Präparate. Meyer: „Es wäre wünschenswert, wenn auch einmal umfassend wissenschaftlich untersucht würde, wie die Präparate in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft wirken, aber das kann momentan kein Mensch bezahlen. Bislang wissen wir nur, dass sie wirken.“ Damit sind wir bei dem spannenden Thema „Präparate“ gelandet. Voraussetzung für ihren Einsatz ist der Verzicht auf synthetische Mineraldünger und chemischen Pflanzenschutz. Insgesamt gibt es acht unterschiedliche Präparate, Hornmist und Hornkiesel als Spritzpräparate für die Felder und außerdem sechs Heilpflanzenpräparate zur Düngerpflege, mit denen die Qualität von Gülle und Mist verbessert wird. Hergestellt werden sie vom Landwirt selber. Meyer greift nach einer Holzkiste, die unter dem überdachten Gang an einem schattigen Platz steht, und führt uns zu einem mit Wasser gefüllten, etwa brusthohen Fass, über dem ein Holzstock baumelt, der an einem Seil oberhalb der Stelle befestigt ist.
Wie Siegfried Meyer dynamisiert
In der Kiste hat er in Gläsern die verschiedenen Heilpräparate aus Schafgarbe, Kamille, Brennnessel, Eichenrinde, Löwenzahn und Baldrian. Daneben liegt ein Kuhhorn, welches von einem weiblichen Tier stammt, das bereits gekalbt hat. Meyer greift danach: „Für das Hornmistpräparat wird im Frühherbst Kuhmist in das Horn gefüllt. Das Ganze wird dann bis nach Ostern in der Erde vergraben. Dann holt man es wieder heraus und rührt die Menge, die man benötigt, mit Wasser an.“
Für zehn Hektar Boden füllt er sein 400-Liter-Fass mit dem Inhalt von etwa dreißig Hörnern. Etwa eine Stunde lang rührt er von Hand mit dem Holzstock rhythmisch im Fass, erst langsam, dann schneller werdend, bis in der Mitte des Wassers ein tiefer Trichter entsteht. Dann stoppt er abrupt, ändert die Richtung und beginnt von vorne. Wir schauen zu, wie er uns eine Vorführung seiner Rührtechnik gibt. Diesen Vorgang nennt man „Dynamisieren“, weil dabei das aus der Erde gegrabene Präparat seine Energien und Kräfte auf das Wasser überträgt. Wird der Hornmist dann in Tropfenform auf die Erde und die Pflanzen gegeben, soll er positiv auf das Bodenleben und den Wurzelbereich der Pflanzen wirken.
Auch den anderen Präparaten werden spezielle Wirkungen zugeschrieben. Hornkiesel harmonisiert das Wachstum der Pflanzen, die dadurch das Licht besser verwerten können, was zu einer höheren Lebensmittelqualität und zu einer verbesserten Lagerfähigkeit führt. Dadurch werden Kartoffeln reifer und Möhren enthalten weniger Nitrat, dafür aber mehr Zucker, was der Gesundheit und dem Geschmack zugute kommt. Baldrian soll beispielsweise Frostschäden an Pflanzen mildern. Meyer kommt noch einmal auf bereits Gesagtes zurück: „Man weiß nicht wie es funktioniert, nur dass es funktioniert.“
Bevor wir unseren spannenden Nachmittag auf seinem Hof beenden und uns von ihm verabschieden, treffen wir noch seine Frau Annegret Winter und die Töchter Luisa und Pauline. Einen Vorteil des Lebens auf dem Bauernhof genießen sie ganz besonders: Sie turnen gerne auf den Strohballen in der Scheune herum, weshalb ihr Vater diese mit Bedacht so stapelt, dass sie als stabile Kletterburg geeignet sind.
Die Adresse
Demeter-Hof Siegfried Meyer, Hauptstraße 5, 91740 Opfenried