„Beim konventionellen Ackerbau hält der Boden nur noch die Pflanze, den Rest macht die Chemie.“

Melonen aus dem Knoblauchsland

Zu Besuch beim Demeter-Hof Marcus Kratzer

in Nürnberg-Wetzendorf

Als wir zu Marcus Kratzer auf seinen Demter-Hof in Nürnberg-Wetzendorf kommen, empfangen uns seine Mutter und der Hofhund „Artur“. Ihr Sohn sei kurz noch etwas zu ebl ausliefern, erklärt uns die Bäuerin und bittet uns, bis zu seiner Rückkehr doch im Garten Platz zu nehmen. Dort setzen wir uns auf eine alte Holzbank, deren grüner Lack schon lange abgeblättert ist und genießen die Sonne. In unserem Rücken das typisch fränkische Bauernhaus aus rotem Sandstein mit seinem hohen und spitzen, bis zum Erdgeschoss über drei Etagen laufenden, tief gezogenen Dach. Vor uns der farbenprächtige, naturnahe Garten, in dem weiße Rosen, rosafarbene Astern, violette Malven, gelbe Sonnenblumen, rote Geranien, weiße Cosmea, purpurne Echinacea und Dahlien in verschiedenen Tönen einen bunten Blumenteppich bilden. „Artus“, eine Mischung aus Schäferhund, Labrador und Berner Sennenhund döst vor sich hin, so lange sein Herrchen unterwegs ist. Wir haben nur eine gute viertel Stunde von der Nürnberger Stadtmitte bis hierhin an den Stadtrand gebraucht, wo es so ruhig ist, dass wir das Gefühl haben, wir wären weit weg vom hektischen Trubel der Metropole.

Beim konventionellen Ackerbau hält der Boden nur noch die Pflanze

Es dauert nicht lange, dann ist Marcus Kratzer zurück von seiner Gemüselieferung an ebl und begrüßt uns herzlich. Seit 1999 gehört er mit seinem Hof dem Demeter-Verband an. Neben ihm gibt es in Wetzendorf, das noch zum Nürnberger Stadtgebiet zählt, einen weiteren Ökobauern. Die Böden im umliegenden Knoblauchland sind leicht und sandig, gut für Gemüse, denn das Wasser fließt schnell ab. Insgesamt bewirtschaftet der Bauer zwölf Hektar, auf denen er vor allem Fenchel, Blumenkohl, Kohlrabi, Brokkoli, Hokkaido-Kürbisse, Radiccio, Feldsalat und Rucola anbaut, mit denen er unter anderem die ebl-Biofachmärkte beliefert. Der kurze Weg in die Geschäfte trägt nicht nur dazu bei, die Umweltbelastung durch den Transport gering zu halten, sondern sorgt auch dafür, dass die regional angebauten Feldfrüchte stets erntefrisch in die Läden und auf die Tische der ebl-Kunden kommen.

Je nach Frucht fährt er ein oder zwei Ernten Marcus Kratzer jährlich ein, deutlich weniger als seine konventionell arbeitenden Kollegen. „Beim konventionellen Ackerbau hält der Boden nur noch die Pflanze, den Rest macht die Chemie“, erklärt uns der Ökobauer. Seine Vorgehensweise ist dagegen eine ganz andere. Er verzichte selbstverständlich auf den Einsatz chemisch-synthetischen Düngers und stärkt den Boden als Nährquelle seiner Pflanzen.

Die Präparate werden in der Gruppe angesetzt

Da er selber kein Vieh hält und deshalb nicht über eigenen Kuhmist verfügt, trifft er sich mit anderen Demeter-Bauern, um die für die biologisch-dynamische Landwirtschaft typischen Präparate anzusetzen. Diese vergräbt er über den Winter auf seinen Äckern und rührt sie dann im Frühjahr in Wasser ein, mit dem er anschließend die Felder zur Bodenpflege besprüht. Zu den benachbarten Feldern konventioneller Bauern hält er einen gewissen Pflanzabstand, damit deren Spritzmittel nicht mit seinem Bio-Gemüse in Kontakt kommt.

Oft wird er gefragt, ob sich die Nähe zum Nürnberger Flughafen nicht auf die Qualität seiner Ware auswirkt. Der Landwirt achtet selber ganz besonders hierauf, verneint dies aber entschieden: „Ich kann guten Gewissens sagen, dass mein Gemüse keinerlei Rückstände von Flugzeugbenzin oder Abgasen enthält.“ Seine Sicherheit bezieht er aus regelmäßigen Untersuchungen des Nürnberger Ordnungsamtes, das bisher in seinem Gemüse keine Schadstoffe feststellen konnte.


Eine schwere Zeit der Umstellung

Trotzdem versteht er die Nachfragen interessierter Kunden. Schließlich war der Verzicht auf den Einsatz von Chemie und das Spritzen seines Gemüses ein wichtiger Beweggrund, warum er kurz vor der Jahrtausendwende seinen Betrieb als damals 31-Jähriger auf die biodyamische Landwirtschaft umgestellt hat. Kratzer: „Der ganze Ansatz der konventionellen Landwirtschaft ist falsch, das Spritzen haben ich schon lange nicht mehr mit meiner Überzeugung vereinbaren können.“ Ein Jahr lang ging der bis dato konventionell arbeitende Bauer auf einen Bio-Hof in die Schweiz, in der Nähe von Bern. Dort sammelte er Erfahrungen, die ihm bei der drei Jahre dauernden Umstellung seines Betriebes eine wertvolle Hilfe waren. Wie für alle Bio-Bauern, war diese Phase auch für ihn eine schwere Zeit. Zwar musste er die deutlichen höheren Kosten der ökologischen Landwirtschaft tragen, sein Gemüse konnte er aber nur zu einem geringeren Preis als konventionelle oder „in Umstellung“ begriffene Ware verkaufen.

Rund ein Viertel des Bodens hat Urlaub

Ständig rund 25 Prozent seiner Fläche bringen ihm keinen Ertrag und damit kein Einkommen. „Auf diesen Feldern kann sich der Boden erholen, denn durch die Gründüngung — beispielsweise mit Lupinen und Sonnenblumen — tankt die Erde Stickstoff, die dem Gemüse dann später als wertvolle Nahrung dient“, so Kratzer. Draußen, auf einem seiner Felder zeigt er uns ein Beispiel für „bunt blühende Gründüngung“: Phacelia, zu deutsch der „Borstige Bienenfreund“, Ackerbohnen, Buchweizen Dahlien und Sonnenblumen lassen eher an einen Blumengarten denken, als an einen Acker auf Urlaub. Gegenüber ist sein Kohlrabi-Feld, in dessen Mitte eine Pestmater aus Sandstein steht. Eine Aufschrift fehlt, das Alter lässt sich nicht genau datieren. Der Bio-Bauer zeigt auf ein Bildertäfelchen: „Irgendwann hat hier wohl mal ein städtischer Mitarbeiter dieses Bild mit einem Wanderer angebracht. Aber meine Großmutter konnte sich noch erinnern, dass das früher nicht zu der Pestmater gehörte.“

Ein Stück weiter wachsen Spinat, Lauchzwiebeln, Petersilie, Fenchel und Radiccio. Mittendrin sind seine polnischen Erntehelfer dabei, das Unkraut von Hand zu entfernen. Bis Ende November erntet er noch, dann hat er bis zum März freie Zeit. Der Kontakt zu seinen Mitarbeitern geht über die reine Arbeit hinaus: „Unsere Erntehelfer kommen teilweise schon 15 Jahre zu mir, die werde ich diesen Winter besuchen.“

Bio-Bauern nutzen das Wissen über Böden und Pflanzen

Was seine Helfer aus Polen über die biodynamische Anbauweise wissen? „Letztendlich betreiben wir Bio-Bauern Landwirtschaft so, wie sie vor dem massiven Einsatz chemisch-synthetischer Dünger üblich war. Wir setzen gezielt das Wissen über die Böden und Pflanzen ein, das in der Generation unserer Großeltern noch ganz alltäglich war. Diese Kenntnisse haben viele meiner Erntehelfer aus Polen noch.“


Nitrat, Nitrit und Nitrosamine

Als wir am Spinatfeld vorbeigehen kommt unser Gastgeber noch einmal auf das Thema „Schadstoffe“ zurück. „Spinat nimmt gerade in den Herbst- und Wintermonaten mehr Nitrat auf. Dann scheint die Sonne kürzer und die Pflanze speichert den Stoff, den sie sonst zu Eiweiß umwandelt. Bei der Düngung in der konventionellen Landwirtschaft und dem hohen Stickstoffgehalt im Boden, nimmt der Spinat das Nitrat sehr schnell und in großen Mengen auf. Im ökologischen Landbau geschieht dies viel langsamer und in viel geringeren Mengen“, erklärt er uns.

Nitrat wird von Bakterien zu Nitrit umgewandelt, die sich wiederum im Darm des Menschen zu den krebserregenden Nitrosaminen verwandeln können. Der Ausgangsstoff ist ebenfalls im Trinkwasser und — wie auch das Nitrit im Pökelsalz — enthalten, mit dem die meisten konventionell erzeugten Fleisch- und Wurstsorten haltbar gemacht und gerötet werden, damit sie nicht natürlich grau ausschauen. Experten empfehlen, gerade bei Säuglingen die Nitritbelastung möglichst gering zu halten, da sie als Auslöser der „Säuglingsblausucht“ bekannt ist, die zum Erstickungstod führen kann.

Kürbisse und Melonen aus Wetzendorf

Zurück auf dem Hof führt uns Marcus Kratzer noch in eine Halle, in der er das geerntete Gemüse verpackt und zur Auslieferung vorbereitet. Kistenweise lagern dort Hokkaido-Kürbisse. Er erklärt uns, dass man das schmackhafte Gemüse, dessen Schale man im Gegensatz zu der anderer Kürbisse nach dem Kochen mitessen kann, entgegen der landläufigen Meinung besonders sorgfältig behandeln müsse, da es sehr druckempfindlich sei.

Mit den Wassermelonen, die Marcus Kratzer dann noch aus einem anderen Gebäude herholt und uns mit auf den Heimweg gibt, gelingt ihm eine Überraschung. Das wie Zucchinis und Gurken zu den Kürbisgewächsen zählende Obst ist kaum größer als ein Volleyball, stammt aber weder aus Spanien noch aus der Türkei, sondern von den Äckern aus dem Knoblauchsland, die wir soeben besucht haben. Auch Honigmelonen habe er einfach einmal aus Spaß angebaut, ergänzt Kratzer und lacht, aber für das Obst habe sich kein Käufer gefunden. „Ich probiere gerne einmal etwas Neues aus, aber leider habe ich nur eine begrenzte Fläche für Experimente zur Verfügung“, gesteht der Öko-Bauer. Als wir später zu Hause unsere kleine Wassermelone aufschneiden, freuen wir uns nicht nur über den feinen und süßen Geschmack, sondern auch über die ebenfalls kleinen Kerne, kaum größer als die einer Weintraube, die sich unbeschwert schlucken lassen.

Die Adresse:

Demeter-Hof Marcus Kratzer, Wetzendorferstr. 269, 90427 Nürnberg



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