Ein Farbenspiel aus Grün und Violett
Zu Besuch bei der Demeter-Gärtnerei Josef Stockner in Eichendorf
Vor 30 Jahren gab es im niederbayerischen Eichendorf noch insgesamt 15 landwirtschaftliche Vollerwerbsbetriebe – allesamt konventionell. Heute gibt es in der Gemeinde im Landkreis Dingolfing-Landau mit rund 6.600 Einwohnern lediglich noch drei Bauern, die ausschließlich von der Landwirtschaft leben. Einer davon ist der ebl-Lieferant Josef Stockner (59), dessen Demeter-Gärtnerei zu den Pionieren des ökologischen Anbaus in seinem Landkreis zählt. Seine Frau Waltraud (49) erinnert sich bei unserem Besuch, warum: „Bereits Ende der 70er, Anfang der 80er-Jahre war uns klar, dass die Giftspritzerei mit den zunehmenden Resistenzen nicht der rechte Weg für den Gemüseanbau sein kann.“ Im ökologischen Landbau fanden die Stockners ihre Vorstellungen eines schonenden Umgangs mit der Natur wieder. Deshalb schlossen sie sich dem Demeter-Verband an und bewirtschaften ihre Felder seit 1986 ausschließlich nach dessen strengen Richtlinien.
Während in ihrer Nachbarschaft mehr und mehr Familien die Landwirtschaft aufgaben, pachteten die Stockners Flächen dazu, um der steigenden Nachfrage nach Bio-Gemüse entsprechen zu können. Salate und Fenchel, Lauch und Radieschen, Kohl und Wirsing, Sellerie, Rote Bete, Zucchini, Bundzwiebeln und Karotten sind die wichtigsten Produkte, die die Familie über das Jahr hinweg anbaut und mit denen sie die Biofachmärkte von ebl beliefert. „Wir könnten unsere Produktion noch stärker ausweiten, wenn wir genügend Erntehelfer bekommen würden“, stellt Josef Stockner gleich zu Beginn unseres Besuches fest, den wir für ein Porträt über die Gärtnerei vereinbart haben. In der Familie herrscht Arbeitsteilung: Er ist für den Anbau und die Arbeiten auf den Feldern verantwortlich, seine Frau kümmert sich um Verwaltung, Verkauf und die Kalkulationen und ihr Sohn Alexander ist für die Koordination der Mitarbeiter zuständig.
Statt Monokultur - Vielfalt auf den Feldern
Die Eltern nehmen uns auf eine Besichtigungstour zu einigen ihrer 25 Felder mit. Bei konventionellen Bauern mit ihren großen, einförmigen Äckern, auf denen einheitlich ein Gemüse angebaut wird, gäbe es hierbei sicher nicht viel zu sehen. Dort findet eine industrielle Lebensmittelerzeugung statt, die versucht, den teuren menschlichen Arbeitseinsatz zugunsten von Maschinen und chemischen Mitteln zu verringern mit dem Ziel, den technisch größtmöglichen Ertrag zu erzielen. Hierzu sind große Felder und möglichst einheitliche Wachstumsbedingungen notwendig.
Ganz anders die Vielfalt an Pflanzen und Böden auf den verschiedenen Äckern der Stockners. Während die Isar im Norden durch den Landkreis fließt, schlängelt sich in Sichtweite hinter dem Hof die Vils durch Felder und Wiesen. In der Ebene um den Fluss gibt es vor allem sandigen Schwemmlandboden. Nach Süden hin steigen die Flächen sanft an. Die Felder dort befinden sich auf tertiärem Hügelland mit lehmigem Boden, der das Wasser lange hält. „Alle Böden haben ihre Eigenschaften, auf die wir beim Anbau achten“, klärt uns Josef Stockner bei unserem ersten Stopp auf, „bei Karotten schmeckt man den Unterschied zwischen sandigem und lehmigem Boden besonders gut heraus.“ Dabei rupft er einen Bund aus dem Boden, reibt die Erde ab und reicht uns ein paar Möhren. „Gut, dass es bio ist“, denken wir angesichts des ungewaschenen Gemüses und beißen herzhaft hinein.
Das Unkraut wird von Hand entfernt
Während der Erntezeit zwischen Mai und September sind rund dreißig zusätzliche Arbeitskräfte auf ihrem Hof und unterstützen die Stockners. „Wir sind wie eine große Familie, die Helfer kommen teilweise schon seit zwanzig Jahren, um uns zu unterstützen“, erläutert uns später der 32-jährige Juniorchef Alexander, der mit seiner gleichaltrigen Frau Agnieszka und ihrer zweijährigen Tochter Katharina ebenfalls auf dem Hof lebt. Wie alle in der Gärtnerei ist auch er viel beschäftigt, denn der ökologische Landbau ist sehr personalintensiv. Das Unkraut wird von Hand entfernt, die chemische Keule ist tabu. Gegen Läuse, Raupen und Schnecken kommen biologische Mittel zum Einsatz. Viel wird dafür getan, dass sie von Anfang an keine Chance haben. Das beginnt schon bei der Pflanzenauswahl. Hier greifen die Öko-Bauern auf besonders schädlingsresistente Sorten zurück, die aus einem Demeter-Zuchtbetrieb stammen. Auf den Feldern werden die Setzlinge in größeren Abständen gepflanzt als bei konventionellen Betrieben. „Dadurch trocknen die Pflanzen schneller und es entsteht weniger Mehltau“, informiert uns Waltraud Stockner, als wir am Rand eines Salatfeldes stehen, das die Familie bewirtschaftet. Vor uns schmiegt sich ein Farbspiel aus wechselnden Flächen satten Grüns und dem dunklen, fast schon violetten Rot von Salaten der Sorten Batavia, Eichblatt, Lollo Rosso, Romana, Eis- und Kopfsalat den leicht ansteigenden Hügel empor.
Große Monokulturen einer Pflanze gibt es nicht, das belastet den Boden zu stark und fördert die Ausbreitung von Schädlingen. Stattdessen werden Salat, Kohl und Co. zeitlich versetzt auf verschiedenen kleinen Flächen angebaut. „Das hat den zusätzlichen Vorteil, dass wir stets frische Ware liefern können und nicht das gesamte Gemüse zur gleichen Zeit reif ist“, erläutert die Landwirtin.
Die guten Taten des "Borstigen Bienenfreundes"
Ein weiterer Unterschied zum konventionellen Landbau ist die vielseitige Fruchtfolge als Element der Bodenbearbeitung. Denn beim Öko-Bauern steht der Boden im Mittelpunkt seiner Arbeit. Das Gemüse soll aus der Fruchtbarkeit der naturbelassenen und von ihm umsorgten Erde wachsen und nicht aufgrund teurer und mit hohem Aufwand hergestellter chemisch-synthetischer Mittel.
Während auf Feldern, die konventionell bewirtschaftet werden, pro Jahr dreimal hintereinander der gleiche Salat geerntet wird, beschränken sich die Stockners auf den einmaligen Anbau. Dann wird nach einem ausgeklügelten System auf eine andere Pflanze – oder „Feldfrucht“, daher der Name Fruchtfolge – gewechselt. Klee, Phacelia, die auf den schönen deutschen Namen „Borstiger Bienenfreund“ hört, Erbsen, Ackerbohnen oder Wickroggen sind beispielsweise Zwischenfrüchte, die dafür sorgen, dass die Böden nicht auslaugen, sich ihre Qualität verbessert, das Unkraut im Zaum gehalten wird und die Erde mit Stickstoff aus der Luft angereichert wird. Zusätzlich wird die Humusschicht von Hand gelockert und durchgemischt. Auf mineralischen Dünger und chemische Pflanzenschutzmittel wird verzichtet, stattdessen wird die Vielfalt der Lebewesen in der Erde gefördert; Mikroorganismen, Insekten und Regenwürmer sollen sich wohlfühlen. Spezialisierte Schädlinge und typische Krankheiten, die bei Monokulturen leicht entstehen, werden im Zaum gehalten. Gedüngt wird ausschließlich mit selbst kompostierten Gemüseabfällen und Pferdemist von anderen Höfen.
An die Stockners wird mittlerweile gerne verpachtet
Aber die Fruchtfolge hebt nicht nur die Qualität des Bodens, sie trägt auch dazu bei, dass Bio-Gemüse etwas teurer als konventionelle Ware ist. Denn während sich die Erde erholt, steht das Feld nicht für den Ackerbau zur Verfügung und die Stockners müssen auf die Einnahmen hieraus verzichten. Auch bei neu gepachteten Feldern verdient die Familie während der zwei Jahre dauernden Umstellungszeit auf biologischen Anbau kein Geld. „Mittlerweile sind wir als Pächter gerne gesehen. Denn auch die besonders skeptischen Bauern haben in den vergangenen zwanzig Jahren anerkannt, dass bei uns gute Ware heranreift“, freut sich Josef Stockner.
Trotz aller Maßnahmen lassen sich Schädlinge im ökologischen Landbau nicht immer vermeiden: „Wenn ein Salat einmal richtig verlaust ist, kann es auch schon einmal notwendig sein, ein ganzes Feld unterzufräsen“, erklärt uns der Landwirt, als wir auf dem Weg zu einem Selleriefeld sind. Beim Näherkommen zeigt seine Frau in Richtung Acker. „Da vorne sitzen zwei Hasen und lassen es sich gut gehen“, ruft uns ihr Mann zu, steigt aus dem Auto und macht sich auf die Verfolgung der Übeltäter. Wir folgen ihm und sehen, dass die Fläche von einem elektrischen Zaun umgeben ist. Inzwischen scheucht Josef Stockner die Hasen in den angrenzenden Wald. Als er zurückkommt, fasst er vorsichtig an die elektrische Umzäunung: „Die Batterie ist wohl leer“, stellt er fest und geht los, um den Akku zum Aufladen einzupacken.
Dreimal wöchentlich frisch zu ebl
Derweil berichtet uns seine Frau davon, dass ihr Hof ebl seit 1994 mit Bio-Gemüse beliefert: „Anfangs sind wir mit einem voll gepackten VW-Bus einmal die Woche nach Nürnberg gefahren. Mittlerweile haben wir zusammen mit anderen Bio-Bauern eine Liefergemeinschaft und bringen das Gemüse dreimal wöchentlich frisch im Kühl-Lkw.“ An der Zusammenarbeit mit ebl schätzt sie die Verlässlichkeit, den Sachverstand und die Ruhe ihrer Partner: „Wir sind in den vergangenen Jahren ein gutes Stück miteinander gewachsen.“
Obwohl sie von Mai bis Weihnachten keinen Tag frei haben und oft bei Tagesanbruch schon mit der Arbeit beginnen, bei sengender Hitze und frostigem Regen auf den Feldern stehen, sind die Stockners mit Leib und Seele Landwirte. Zwar ist die ökologische Landwirtschaft aufwendiger, aber das Erreichte erfüllt sie auch mit Freude und Zufriedenheit: „Wir haben höhere Lohnkosten und einen geringeren Ertrag pro Fläche, erzielen aber für gutes Gemüse auch einen fairen Preis. Und im Januar und Februar gönnen wir uns dann einen Urlaub.“ Sonnenbaden am Strand? „Mehr als einen Tag halte ich es im Liegestuhl nicht aus“, lacht Waltraud Stockner, „als Gemüsebäuerin brauche ich auch im Urlaub viel Bewegung.“ Und ein bisschen Abenteuer - so scheint es: Eine Reise mit anderen Landwirten durch Südamerika haben die Bio-Bauern schon unternommen. Für den kommenden Urlaub haben sie China als Reiseziel im Visier.
Die Adresse
Demeter-Gärtnerei Josef Stockner, Enzerweiß 23, 94428 Eichendorf