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Mit SOLAWI über den Tellerrand schauen

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Mit SOLAWI über den Tellerrand schauen

Deutschland ist europäische Spitze bei den Lebensmittelpreisen. Gerade mal 11 % unserer Ausgaben für Verbrauchsgüter setzen wir für den Kauf von Lebensmitteln ein. Verlierer dieses beständigen Preiskampfes um die Kostenführerschaft bei Lebensmitteln sind zum einen die Natur zum anderen die Landwirte.

Derzeit ist es der Verfall der Käsepreise, der Schlagzeilen macht. Längst sind Lebensmittel für viele unter uns eine anonyme Ware geworden. Wer weiß schon noch, wie viel Arbeit es benötigt, ehe die Kartoffel wohlschmeckend auf unserem Teller liegt. Ich denke, genau das ist einer der Gründe für diesen Preiskampf in den Lebensmittelregalen. Um etwas wertzuschätzen, müsste ich verstehen, was an Arbeit und Materialeinsatz nötig ist, ehe Gemüse,Frucht, Käse oder Fleisch auf meinem Teller liegen. Dass es auch anders geht, zeigen die vielfältigen Projekte solidarischer Landwirtschaft, die sich auch in unserer Region entwickelt haben. Die Solidarische Landwirtschaft, kurz SOLAWI, ist eine Partnerschaft zwischen Landwirten und Verbrauchern. Anstatt als Kunde aufzutreten, werden wir im SOLAWI-Projekt Teilhaber eines landwirtschaftlichen Betriebs und teilen damit Ertrag und Risiko mit dem Landwirt. Mittlerweile gibt es bundesweit schon 77 solcher Initiativen, Tendenz steigend. Ich habe mich bei zwei dieser Initiativen auf Spurensuche begeben.

Stadt und Land verbinden – SOLAWI Nürnberg

Die Nürnberger SOLAWI-Initiative ist im vergangenen Jahr entstanden. Dr. Werner Ebert ist im Umweltreferat der Stadt Nürnberg für dieses Projekt verantwortlich und mit dem bisherigen Verlauf des Projektes sehr zufrieden. „Wir haben mittlerweile rund 70 Ernteteiler und fünf Höfe, die sich an unserem Projekt beteiligen. Das ist für den Start ein toller Erfolg“, so Ebert. Die beteiligten Betriebe sind alle in der Region zu Hause. So können die Ernteteiler beispielsweise auf dem Hof von Karl Dollinger aus Offenbau Obst und Gemüse ernten, der Betrieb von Andreas Walz aus Amberg liefert fast vergessene Urgetreidesorten, während der Reimehof in Kirchensittenbach mit seinen Ziegenmilchprodukten begeistert.
Daneben gibt es Partnerschaften, um die Ernteteiler auch mit Fleisch aus der Region zu versorgen. Engagement und Begeisterung seien bei den Ernteteilern groß, so Ebert. Höhepunkt sind sicherlich die Ernteeinsätze. So wurde bei Karl Dollinger gemeinsam Sauerkraut gemacht. Jetzt wird in den Erdbeerfeldern gehackt. Um die Wege für alle kurz zu halten, wurden in Nürnberg zwei Depots und drei Abholstationen eingerichtet.

Wer sich näher über das Nürnberger SOLAWI-Projekt informieren möchte, der sei am 9. Mai herzlich eingeladen, bei einer eintägige Exkursion zu zwei der SOLAWI-Betriebe die Vorzüge einer solchen Partnerschaft zu entdecken. Besucht werden Karl Dollinger und der Reimehof. Interessierte können sich direkt per E-Mail bei Dr. Werner Ebert unter werner.ebert@stadt.nuernberg.de anmelden. Eberts Fazit nach einem Jahr ist durchweg positiv, auch wenn er sich noch mehr Ernteteiler wünscht. Sein Ziel ist es für Nürnberg 500 Ernteteiler zu gewinnen.

Die Erntegemeinschaft Vorderhaslach

Uwe Neukamm ist der Gründer der Hofgemeinschaft Vorderhaslach und auch der Initiator des seit einem Jahr an gleicher Stelle laufenden SOLAWI-Projekts, die Erntegemeinschaft Vorderhaslach. Begonnen hatte Uwe Neukamms Traum vom eigenen Hof als Ort der Gemeinschaft 1989. Zufällig hatte er erfahren, dass ein Bauernhof in Vorderhaslach eine Nachfolge suche. Nach einigen Gesprächen mit dem Käufer des Gutes war für beide klar: Hier sollte es weiter Landwirtschaft geben und zwar biologisch-dynamisch. Schnell waren die Details ausgehandelt und Neukamm pachtete den Hof für 30 Jahre. Zunächst waren es drei Familien, die hier gemeinschaftlich die damals 27 Hektar Nutzfläche und 5 Hektar Wald bewirtschaften wollten und die Eigenmarke „Hofgemeinschaft Vorderhaslach“ entwickelten. Mittlerweile wurden zwei weitere Höfe dazu gepachtet und so gehören der Hofgemeinschaft heute 4 Höfe mit 100 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche und 12 Hektar Wald. Aufgrund der Lage des Hofes auf 570 Metern wird hier vor allem Brotgetreide wie Dinkel, Weizen, Roggen und Emmer angebaut.

Darüber hinaus gibt es eine Mutterkuhhaltung mit Jungtierweidemast und mit dem SOLAWI-Projekt jetzt auch einen kleinen Gemüseanbau. Mit ebl-naturkost verbindet die Hofgemeinschaft eine langjährige Partnerschaft. Die Hofgemeinschaft ist auch Mitglied der Demeter-Erzeugergemeinschaft Strohhalm mit Sitz in Kirchensittenbach. Ebl-naturkost bezieht sowohl Strohhalm-Getreide als auch Rinder von Uwe Neukamms Hofgemeinschaft.

Neben dem landwirtschaftlichen Betrieb gibt es seit vielen Jahren als Teil der Gemeinschaft auch die Biozertifizierungsstelle Ceres in Vorderhaslach die weitere Arbeitsplätze in der kleinen Gemeinde geschaffen hat. Der Name Ceres (CERtification of Environmental Standards) leitet sich ab von „Ceres“, der alten römischen Göttin für Landwirtschaft, Pendant zur griechischen Göttin Demeter. Sie repräsentierte die Fülle der Ernte und war ein Symbol für die Bodenfruchtbarkeit.

Mit dem Zuzug der Familie Rivera nach Vorderhaslach wurde dann auch die Saat für ein SOLAWI-Projekt gelegt. Raphael und Steffi Rivera hatten vor ihrer Station in Vorderhaslach in England für mehrere Jahre eine CSA-Farm (Communitiy Supported Agriculture) bewirtschaftet, dem englischen Begriff für eine solidarische Landwirtschaft. Und so begannen sie in Vorderhaslach von einer Erweiterung ihrer Gemeinschaft auch auf die Kunden zu träumen. Für einen rein kommerziellen Gemüseanbau war die Höhenlage einfach nicht geeignet, als Teil eines SOLAWI-Projekts konnte sich Neukamm das schon eher vorstellen. Und so begannen sie gemeinsam die Idee der Erntegemeinschaft zu entwickeln.

Als dann in Nürnberg die SOLAWI-Initiative startete, war natürlich auch Neukamm zur Stelle, um zu sehen, wie es möglich wäre, sich auch hier zu vernetzen. Kurz danach lud er nach dem Nürnberger Vorbild zu einer Auftaktveranstaltung für eine Erntegemeinschaft Vorderhaslach nach Hersbruck ein. Das Interesse war überwältigend und schnell hatten sich 60 Teilhaber für die Erntegemeinschaft gefunden. Auf knapp zwei Hektar wurden im letzten Jahr dann erstmalig Gemüse und Kartoffeln angebaut. Auch zwei kleine Foliengewächshäuser gibt es. Die Erntegemeinschaft zahlt dafür einen monatlichen Beitrag unabhängig von den Ernteerträgen und teilt sich so das Risiko mit den Landwirten. Von diesen Beiträgen wurden auch zwei Gärtner eingestellt. Aber die Erntegemeinschaft zahlt nicht nur, sondern trifft auch alle wesentlichen Entscheidungen gemeinsam und packt auch mal mit an, wenn Not am Mann ist. So wird Landwirtschaft für die beteiligten Familien zu etwas Erlebbaren.

Die Ernte im vergangenen Jahr war reichlich und Neukamm blickt zufrieden auf dieses erste Jahr zurück. Sein Fazit ist durchweg positiv, auch wenn es für alle Beteiligten ein nicht immer einfacher gemeinsamer Lernprozess ist. „Die Verbraucher, die auf einmal Teilhaber am Betrieb waren, mussten auch lernen mit dieser neuen Rolle umzugehen. Das war nicht immer leicht. So musste die Gemeinschaft beispielsweise entscheiden, ob sie in ein Gewächshaus investiert, nachdem zwei Stürme die Folien wiederholt zerstört hatten. Auch angebaut wird das, was die Gemeinschaft beschließt. Wenn wir dann aber gemeinsam die Ernte in unseren Händen halten, sind die Mühen vergessen“, so Neukamm.

Natürlich geht es weiter mit der Erntegemeinschaft Vorderhaslach. Dieses Jahr sind es schon 72 Ernteteiler plus zehn weitere Anteile für die Planungs- und Organisationsgruppe der SOLAWI. Sein Engagement im SOLAWI-Projekt macht Neukamm größtenteils ehrenamtlich. Sein Traum ist es, das hier im kleinen Vorderhaslach das ganze Dorf eine große Gemeinschaft bleibt. „Unser Vorderhaslach ist etwas ganz Besonderes und so soll es auch bleiben“, so Neukamm weiter und es ist deutlich zu spüren, hier hat einer noch lange nicht genug. Für das SOLAWI-Projekt kann er sich in der Zukunft eine Genossenschaft als Träger gut vorstellen, vielleicht auch mit eigenem Genossenschaftsladen, der vernetzt ist auch mit anderen Erzeugern im Landkreis und zukünftig hoffentlich noch vielen weiteren SOLAWI-Projekten in der Region.

Er ist überzeugt, dass SOLAWI ein sehr guter Weg ist um Verbraucher und Produzenten zueinander zu bringen. „Was Besseres könne man sich als Erzeuger gar nicht wünschen, denn hier genießt unsere Arbeit eine viel tiefer gehende Wertschätzung und Verbundenheit“, so Neukamm zum Abschluss unseres Gesprächs. Bleibt zu hoffen, dass die Saat, die Ebert und Neukamm da säen, noch in vielen Herzen aufgeht.

Herzlich grüßt
Ihr Frank Braun für die ­ebl-Redaktion

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