Zum Stand der Gentechnikdebatte
"Zukunft säen mit Zukunftssamen" war der Titel der diesjährigen Herbsttagung des Demeter Bio-Anbauverbandes, die am 6.11. im Rudolf Steiner Haus in Nürnberg stattfand. Wir wollen die Tagung zum Anlass nehmen, um Sie wieder einmal zum aktuellen Stand der Gentechnikdiskussion zu informieren, da dieses wichtige Thema weiterhin einer großen Dynamik unterworfen ist.
Es gibt kaum eine Debatte, die so emotional und kontrovers geführt wird wie die Frage um Sinn und Unsinn der Agro-Gentechnik.
Für die einen ist es der Heilsbringer um die Ernährung für eine rasant wachsende globale Bevölkerung sicherzustellen (eben haben wir ja den 7.000.000.000 Erdenbürger unter uns begrüßt), für andere ist die Gentechnik der Pfad in eine Sackgasse mit unkalkulierbaren Risiken für die Landwirtschaft. In der Schweiz gibt es seit einer Volksabstimmung im Jahre 2005 ein absolutes Gentechnikverbot, die USA beispielsweise investiert Milliarden in die Entwicklung von gentechnisch veränderten Saatgut, in Rumänien wurde angeblich im vergangenen Frühjahr klammheimlich den Bauern falsch deklariertes, gentechnisch verändertes Saatgut untergejubelt. Die Lage ist insgesamt sehr unübersichtlich. Das folgende Zitat eines Saatgutherstellers spricht Bände: "Es gibt weltweit soviel Widerstand gegen jede neue Genpflanze, dass die einzige Möglichkeit ist, die Kontamination zu fördern. Dann haben die Leute keine Wahl mehr und wir beherrschen die Nahrung und damit die Menschen".
Auch in Deutschland ist die Debatte weiterhin in vollem Gange! Das Bündnis "Aktion Gen-Klage" hat Widerspruch gegen die Zulassung der umstrittenen Gentech-Kartoffel "Amflora" erhoben und damit ein Klageverfahren vor dem Europäischen Gerichtshof eingeleitet. Auch Nachbarländer wie Ungarn und Österreich haben eine Klage gegen die Zulassung in Brüssel anhängig. Nach ihrer Ansicht verstößt die von der EU-Kommission erfolgte Zulassung der Gen-Kartoffel des Unternehmens BASF gegen EU-Recht. Es geht bei diesem Streit vor allem um die Frage der gesundheitlichen Gefahren durch zunehmende Antibiotikaresistenz. Wegen ihrer Risiken sind Pflanzen mit Antibiotikaresistenzmarker-Genen in der EU seit 2004 aus guten Gründen verboten. Dennoch erklärte die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA die Amflora-Gen-Kartoffel jetzt für angeblich sicher.
Es gibt aber auch viel Positives zu berichten! So ist z. B. eine Saatgutanalyse zu Raps durchgeführt worden, die belegt, dass 2011 kein gentechnisch verunreinigter Raps in Deutschland ausgesät worden ist. Dies geht aus den von Greenpeace und Bioland abgefragten Daten der zuständigen Länderbehörden hervor. Seit Jahren behauptet die Gentechnikindustrie, dass eine Reinhaltung von Saatgut nicht möglich sei. Biobauern und Umweltorganisationen halten dagegen: Gentechnikfreies Saatgut ist unerlässlich, um weiterhin Lebensmittel ohne Gentechnik produzieren zu können.
Auch das Urteil des Europäische Gerichtshof (EuGH) vom September 2011, dass Honig, der mit gentechnisch veränderten Pollen verunreinigt wurde, nicht mehr verkehrsfähig ist, ist ein weiterer Meilenstein für die Gentechnikgegner, um diesem Experimentieren mit unserer Lebensgrundlage Einhalt zu bieten. Auch ungewollte und geringste Mengen führen gemäß dem Urteil dazu, dass der Honig nicht mehr verkauft werden darf. Es reicht also nicht, dass der Gentechnik-Mais MON 810 eine Zulassung zum Anbau habe. Das Bündnis zum Schutz der Bienen vor Agro-Gentechnik, Mellifera, feiert damit einen großen Erfolg. Denn mit dem Urteil steht fest, dass Imker einen Anspruch auf Entschädigung haben, wenn ihr Honig mit gentechnisch veränderten Pollen verunreinigt wurde, die nicht als Lebensmittel zugelassen sind.
Noch ist der Kampf um einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Thema Gentechnik nicht entschieden. Auf allen Ebenen wird gestritten und diskutiert und während dessen – werden wie im obigen Beispiel beschrieben – leise, still und heimlich auf illegale Weise Fakten geschaffen, die eine objektive Entscheidung unmöglich machen. Auch Tierversuche sind hier ein großes Thema. So gab es 2010 alleine in Deutschland rund 2,9 Millionen Versuchstiere. Über ein Viertel der Tiere waren gentechnisch verändert, so das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV), Tendenz steigend. Mehr als 99 % der Tiere sind sogenannte "Ausschußtiere" (für mich ein klarer Kandidat für das Unwort des Jahres 2011), die getötet werden, da sie nicht die gewünschten Eigenschaften aufweisen.
Den Kopf in den Sand stecken gilt aber nicht! Das Honig-Urteil hat wieder einmal gezeigt, Mut und ein langer Atem zahlt sich aus. Wir können viel dazu beitragen, diese Debatte zu beeinflussen. Nehmen Sie jede Möglichkeit war, an Petitionen teilzunehmen, achten Sie beim Einkauf auf gentechnikfreie Ware und lassen Sie ihre Stimme hören, so können wir gemeinsam dafür Sorge tragen, dass wir auch der Zukunft ein Stück Leben übrig lassen.
Wer sich weiter zum Thema informieren will oder sich in einer der laufenden Petitionen engagieren will, dem sei folgender Link empfohlen: www.keine-gentechnik.de
Ihr Frank Braun für die ebl-Redaktion