Percy und Louise Schmeiser sind Farmer und Saatgutzüchter aus der Provinz Saskatchewan in Kanada. Im August 1998 wurden Sie vom Gentechnik-Konzern Monsanto verklagt, widerrechtlich ihr patentiertes Raps-Saatgut angebaut zu haben.
Daraufhin folgte ein fast zehnjähriger, juristischer Kampf, den die Schmeisers letztlich mit einer Haftungsklage gegen Monsanto gewonnen haben. Dank dieses Präzedenzfalls, ist es den Bauern heute möglich, rechtlich gegen Monstanto und andere Gentechnik-Konzerne vorzugehen. Im Oktober 2000 wurde Percy Schmeiser für seinen Einsatz mit dem Mahatma Gandhi Award geehrt, 2007 wurde dem Ehepaar Percy und Louise Schmeiser der alternative Nobelpreis verliehen.
Anfang April 2011 besuchten die Schmeisers Nürnberg, um im Karl-Bröger Zentrum einen Vortrag zum Thema Gentechnik zu halten. Auch der bayerische Umweltminister Markus Söder war vor Ort um den Standpunkt des Bayerischen Landtags zu vertreten. Davor hatten wir die Schmeisers zu einem Besuch in den ebl-Markt Südstadt eingeladen. Nach einer kleinen Führung durch den Markt, hatten wir die Gelegenheit, ein persönliches Interview mit dem charismatischen Ehepaar zu führen.
ebl-naturkost: In Deutschland läuft gerade eine Petition für das Anbauverbot von gentechnisch veränderten Pflanzen. Bisher haben fast 20.000 Menschen die Petition gezeichnet, damit fehlen noch 30.000 Stimmen um das Anliegen im Ausschuss vortragen zu können. Welche Gefahren sehen Sie auf die biologische Landwirtschaft und Artenvielfalt zukommen, sollte die Null-Toleranz tatsächlich gelockert werden?
Percy Schmeiser: Es liegt in der Natur der Gentechnik, dass sie sich unkontrolliert ausbreitet und dass man sie nicht an einem Ort halten kann. Dabei ist es irrelevant ob die Toleranzgrenze 0,9 % beträgt, denn dabei wird es nicht bleiben. Gibt man die Nulltoleranz auf, dann hat man den ersten Schritt gemacht. Danach ist es nur eine Frage der Zeit, wie schnell sich die gentechnisch veränderten Organismen (GMOs) ausbreiten und es ist eine Illusion zu glauben dass man die 0,9% beibehalten kann.
Beim Thema Artenvielfalt hört man immer öfter vom Bienensterben. Wie sehen Sie hier die Zusammenhänge mit GMOs?
Die Bienen fliegen auf die Blüten der GMOs und nehmen den Pollen auf. Sie ernähren sich und ihr Volk von den Pollen, wobei die Geninformationen auf die Bienen übergehen. Zusätzlich müssen durch die Gentechnik wesentlich mehr Herbizide und Pestizide eingesetzt werden. Das schwächt und schädigt die Bienen – es kommt zum Bienensterben. Das wiederum hat Auswirkungen auf die Biodiversität, weil die Biene als Bestäuber fehlt.
Und die Auswirkungen auf die Wirtschaft?
Zum einen stirbt ein großer Anteil der Bienen. Zum anderen finden sich die GMOs auch im Honig. Dadurch wird der Honig wertlos, weil die Menschen ihn nicht kaufen. Viele Berufsimker haben in Kanada dadurch ihre Existenz verloren.
Ganz aktuell wurde letztes Jahr eine große Honiglieferung von den Niederlanden zurück nach Kanada gesendet, da man positiv auf GMOs getestet hatte.
Die Befürworter der grünen Gentechnik stellen immer wieder die Vorteile in den Vordergrund, wie höhere Erträge, weniger Pestizid-Einsatz, niedrigerer Arbeitsaufwand und konstante Qualität. Was entgegnen Sie diesen Leuten und welche Vorteile sehen sie im Gegensatz dazu in der biologischen Landwirtschaft?
Alle diese Aussagen sind grundsätzlich falsch, denn mit GMOs nehmen die Ernteerträge um rund 15 % ab – vor allem bei Raps und Soja. Im Gegensatz dazu steigt der Einsatz von Pestiziden und Herbiziden um den Faktor 3 im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft. Der Nährstoffgehalt der Pflanzen ist erheblich niedriger.
Meiner Meinung waren die GMOs nie dafür bestimmt, die Erträge zu erhöhen oder den Pestizideinsatz zu verringern. Ganz im Gegenteil: die Chemiefirmen haben ein großes Interesse daran das passende Pestizid zu ihrem Saatgut zu verkaufen.
Welche Vorteile sehen Sie in der biologischen Landwirtschaft?
Biologische Landwirtschaft verzichtet zum einen auf Pestizide und Spritzmittel. Aber ein großer Vorteil ist auch die positive Wirkung auf die Gesundheit. In Kanada sind die Gesundheitsauswirkungen von GMOs momentan ein ganz großes Thema. Parkinson und Alzheimer werden bei uns mittlerweile als Farmerkrankheiten bezeichnet.
Lässt man Gentechnik zu – so wie es bei uns in Kanada war – ist es letztlich das Ende der biologischen Landwirtschaft. In den Kulturen in denen GMOs genehmigt werden, verbreitet sich das Saatgut und konterminiert den biologischen Landbau.
Sie haben auf ihrer Europatour schon viele Vorträge gehalten. Wie erleben Sie in Deutschland den Wiederstand gegen Gentechnik und wie ist hier der Unterschied zu Kanada?
Ich glaube in Europa sind sich die Menschen über die Gefahren der GMOs mehr bewusst. Hier hat sich ein starker Wiederstand entwickelt, aber das kommt auch daher, dass man jetzt viele Informationen über die Gefahren und Folgen hat. Als bei uns in Kanada GMOs eingeführt wurden, hatte man diese Informationen nicht und den Menschen wurden falsche Versprechungen gegeben. Aber inzwischen ist in Kanada der Wiederstand stark gewachsen. 1996 wurde die Gentechnik eingeführt, doch innerhalb eines Jahres hatte man die Fehlentscheidung bemerkt. Im Gegensatz zu den USA gibt es seit 14 Jahren keine neue Zulassung mehr.
Es gab in Ihrem Kampf gegen Gentechnik bestimmt auch Momente in denen Sie am liebsten aufgegeben hätten. Woher ziehen Sie Ihre Kraft und Motivation, weiterzumachen?
Es war ein langer Kampf gegen Monsanto, aber es hat sich gelohnt, allein dafür dass ich jetzt hier bin und darüber berichten kann. Mich und Luise betreffen die Auswirkungen nicht mehr so stark, weil wir beide schon älter sind – dafür aber die Generationen die nach uns kommen. Was wir jetzt bewegen und erreichen, hat keine großen Auswirkungen mehr auf uns, aber auf die Zukunft! Darum ist es so wichtig, die Gentechnik niemals zuzulassen, denn wir wissen nicht, ob unsere Umwelt je wieder so sein wird wie vorher – das ist die große Gefahr dabei.
Welchen Rat würden Sie der deutschen Politik und Bevölkerung mit auf den Weg geben, sich jetzt für die Null-Toleranz einzusetzen?
Wir dürfen die Einführung von Gentechnik nicht zulassen, egal wie klein der Prozentsatz sein mag. Es ist wie wenn man einen Schalter umlegt: Im ersten Jahr ist der Anteil vielleicht minimal, aber der Anteil steigt unkontrolliert von Jahr zu Jahr. Deshalb ist mein Rat, mein Anliegen, das man niemals damit anfängt.
Wenn man Gentechnik testet, darf dies niemals auf dem offenen Feld geschehen. Nur in einem geschlossenem Gebäude - wo die Pollen weder durch den Wind noch durch Vögel und Insekten verbreitet werden können - kann man sicher sein das die GMOs sich nicht verbreiten.
Zum Abschluss: Wie sehen Sie die Zukunft der Landwirtschaft?
Unsere Landwirtschaft hat sich über sehr viele Jahre hinweg entwickelt und dieses Wissen müssen wir auf jeden Fall bewahren. Unsere Nahrungsmittel stammen aus natürlicher Pflanzenzucht und -veredelung, es ist nicht nötig sie genetisch zu manipulieren.
Wir hätten nicht diese Vielfalt an biologischen Lebensmitteln, wenn wir die Pflanzen nicht auf natürliche Weise kultiviert hätten. Wir haben so viele Sorten Obst und Gemüse, wie viel davon werden wir durch GMOs verlieren?
"Once you introduce GMOs it’s over and it’s over – and we don’t know if you ever can bring it back, so: never start with it!"
Interview: Hannah Bickel
Redaktion: ebl-naturkost